Nicola Campogrande (*1969) Liberi tutti
[2Vl,Va,Vc,Orch] 2024 Dauer: 20'
Solo: 2Vl.Va.Vc – 2.2.2.2 – 2.2.0.0 – Schl – Str
Uraufführung: Mailand/Italien, Auditorium di Milano Fondazione Cariplo, 6. Juni 2025
Auftragswerk des Orchestra Sinfonica di Milano (Italien), der Punavuori Chamber Music Association (Finnland) und der ADDA Sinfónica (Spanien)
Kategorien sind notwendig, das weiß ich. Es würde mir nie einfallen, das zu leugnen. Wie Platon, Aristoteles und Kant uns gelehrt haben, helfen sie uns dabei, die Welt zu verstehen, über sie nachzudenken. Und sie ermöglichen es uns, ganz banal, durch die Millionen von Audiotracks in jedem digitalen Shop zu navigieren. Ein Hoch also auf die Kategorien, und ein Dank auch an diejenigen, die sich ihrer stetigen Verfeinerung widmen.
Doch dann gibt es auch noch das wirkliche Leben, das aus Zwischentönen, Unsicherheiten und Definitionen besteht, die nie so ganz passen. Es gibt fließende Identitäten, widersprüchliche Gedanken und ständige Veränderungen. Vielen Bewohnern dieses Planeten im aufziehenden dritten Jahrtausend fällt es schwer, den Lauf der Geschichte, Ungerechtigkeiten, Umweltzerstörung und den Klimawandel zu akzeptieren. Uns fehlen die logischen Kategorien, um wirklich zu erklären, was wir erleben. Viele möchten am liebsten überhaupt nicht dazugehören. Für sie ist es kompliziert, eine klare Vorstellung von sich selbst zu haben, von dem, was sie wollen oder auch nur sich erträumen.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf begann ich, an „Liberi tutti. Konzert für Streichquartett und Orchester“ zu arbeiten. Mir gefiel die Vorstellung, unserer Welt, in der sich Kategorien ständig auflösen, in der logische Bezugspunkte verloren scheinen und in der ein gewisses Maß an Chaos herrscht, einen Klang zu geben. Aber ich wollte dies mit Optimismus tun, mit Heiterkeit, in der Vorstellung, dass aus dem Durcheinander der Gegenwart ein anderes, bewusstes, strahlendes Leben entstehen kann.
Damit dies geschieht, ist es natürlich unerlässlich, dass jeder sich selbst hinterfragt; und tatsächlich ist es schwierig, starre Kategorien auf dieses Werk anzuwenden. In gewisser Weise ist es natürlich symphonische Musik; aber in anderer Hinsicht ist es Kammermusik, mit einem Quartett als Protagonisten, das, wie es die Tradition verlangt, einen intensiven inneren Dialog führt, sich aber auch immer wieder für echte Gespräche mit dem Orchester öffnet.
Kurz gesagt: Die üblichen Bezugspunkte fallen hier weg; und wenn die Musiker sprechen würden, anstatt zu spielen, würden sie alle – sowohl die Mitglieder des Quartetts als auch die Spieler des Orchesters – lächeln und fragen: Wer bin ich? Wer bist du? Wer sind wir?
Die Antwort liegt natürlich in der Musik. Und jeder ist frei, sie so zu hören, wie er möchte.
(Nicola Campogrande, Januar 2025)
1. Moderato |
2. Largo |
3. Allegro |